Christine Künzel im Gespräch mit Norbert Reichel über Leben und Werk Gisela Elsners
Zeit ihres Lebens bekämpfte Gisela Elsner Rollenbilder und Zuschreibungen, mit denen sie sich in ihrer literarischen Analyse der Gesellschaft, aber auch auf ihrem persönlichen Lebensweg stetig konfrontiert sah. Die Hinterfragung tradierter Rollen in gesellschaftlich definierten Strukturen und die vehemente, unerbittliche Kritik insbesondere an den hieraus entstehenden Machtverhältnissen, waren zentrale Punkte in Elsners Werken. Aus heutiger Perspektive war Gisela Elsner damit ihrer Zeit weit voraus. Welchen Einfluss dies auf die Entstehung und Rezeption von Elsners Werken hatte und über die Schwierigkeiten, die einer angemessenen Auseinandersetzung mit den Werken trotz ihrer Aktualität bis in die Gegenwart entgegenstehen, haben Christine Künzel und Norbert Reichel gesprochen. Nachzulesen ist dies unter dem Titel Schmutzige Wahrheit auf der Homepage des Demokratischen Salons:
Gespräch mit Tanja Röckemann am 4. Juni 2025 im Literaturhaus Nürnberg
Am Tag nach der Verleihung des Gisela-Elsner-Literaturpreises ging es weiter mit einer weiteren Veranstaltung zu Gisela Elsner. Gast war Tanja Röckemann, die im Gespräch mit Christine Künzel (Erste Vorsitzende der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft) die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Dissertation „Die Welt, betrachtet ohne Augenlider. Gisela Elsner, der Kommunismus und 1968“ (Verbrecher Verlag 2024) vorstellte. Die Publikation der Dissertation wurde von der Elsner-Gesellschaft gefördert.
Im Anschluss an das Gespräch folgte eine anregende Diskussion mit dem Publikum. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum die Werke Elsners derzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich sind.
Röckemann stellt u.a. fest, dass Elsner ab den späten 1970er Jahren aufgrund ihrer Kritik an neoliberalen Entwicklungen und dem Bestehen auf einer Revolutionierung der bundesdeutschen Gesellschaft an den Rand des Literaturbetriebs gedrängt wurde. Im Gespräch wurde anhand einer der zentralen Thesen von Röckemann herausgearbeitet, dass insbesondere Autorinnen von einer „Degradierung einer politischen Haltung zum Ausdruck psychischer Instabilität“ betroffen sind.
Zum Abschluss des Gesprächs wurde anlässlich der bevorstehenden Premiere einer dramatisierten Fassung am Staatstheater Nürnberg auf die Aktualität von Elsners Roman „Heilig Blut“ hingewiesen. Um das Publikum einzustimmen, las Christine Künzel Passagen aus dem Roman vor. Der Roman war Anfang der 1980er Jahre entstanden, aber eine Veröffentlichung von zahlreichen bundesdeutschen Verlagen abgelehnt worden. So erschien der Roman zunächst 1987 in russischer Sprache, bis zwanzig Jahre später 2007 die deutschsprachige Erstveröffentlichung anhand des Manuskriptes letzter Hand durch Christine Künzel im Rahmen einer Elsner-Werkausgabe im Berliner Verbrecher Verlag erfolgte. Auch dieser Roman ist derzeit leider nicht im Buchhandel erhältlich.
Tanja Röckemann arbeitet seit 2021 als Wissenschaftsredakteurin bei nd.DieWoche. Im Ressort »Mikroskop« betrachtet sie Wissensproduktion ideologiekritisch, nimmt feministische und rechtskritische Perspektiven ein und versucht herauszuarbeiten, was das alles mit Kapitalismus zu tun hat. Darüber hinaus ist Tanja Röckemann seit 2023 Mitglied im Vorstand der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft.
Von links nach rechts: Christine Künzel, Tanja Röckemann, Dirk KruseVon links nach rechts: Christine Künzel, Tanja Röckemann
Diesen Juni finden in Nürnberg gleich drei Veranstaltungen statt, auf die wir hinweisen möchten.
Am 03. Juni 2025 findet die Verleihung des Gisela-Elsner-Literaturpreises durch das Literaturhaus Nürnberg e.V. an Ulrike Draesner statt. Die 1962 geborene Ulrike Draesner gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen AutorInnen der Gegenwart. Sie hat bereits mehrere preisgekrönte Werke veröffentlicht und setzt sich in diesen – ganz im Sinne Gisela Elsners – kritisch mit den Problemen der heutigen Gesellschaft auseinander.
Am 04. Juni 2025 liest Tanja Röckemann ab 19 Uhr im Nürnberger Literaturhaus aus ihrer kürzlich erschienenen Monographie Die Welt betrachtet ohne Augenlider. Gisela Elsner, der Kommunismus und»68«. Neben der politischen Linken zu Elsners Lebzeiten wird auch die zeitlebende Auseinandersetzung der Autorin mit dem Nationalsozialismus und das stete Vorhandensein desselben in der deutschen Gesellschaft beleuchtet. Christine Künzel moderiert das Gespräch.
Am 06. Juni 2025 findet außerdem im Staatstheater Nürnberg die Premiere der aktuellen Inszenierung von Gisela Elsners Roman Heilig Blutstatt. Unter der Regie von Ildikó Gáspár wird die Aktualität des von Elsner bereits in ihrem 1987 erstveröffentlichten Roman geschilderten Problems eines latenten Faschismus, der unter einer erschreckend dünnen Fassade von Gutbürgerlichkeit lauert, deutlich. Es sind derzeit 6 weitere Aufführungen bis in den Juli geplant.
Dr. Tanja Röckemanns Dissertation, die sich anhand der Werke sowie des politischen Engagements Gisela Elsners mit der Entwicklung sozialistischer bzw. kommunistischer Positionen in der Bundesrepublik von 1968 bis zur Wende auseinandersetzt, erscheint diesen Monat im Verbrecher Verlag.
Die Buchpremiere findet am 25.10.2024 um 19.00 Uhr in der „Vierten Welt“ in Berlin-Kreuzberg statt. Hier wird es neben der Vorstellung der Dissertation auch Lesungen aus Elsners Werk sowie musikalische Beiträge geben.
23. Juni bis 13. Oktober 2024, Ernst Barlach Haus Hamburg
Die umfangreiche Ausstellung der Werke Hans Platscheks – initiiert anlässlich des 100. Geburtstag des streitbaren Malers und Publizisten – kommt ins Ernst Barlach Haus nach Hamburg. Die Eröffnung findet am Sonntag den 23. Juni von 11 bis 13 Uhr statt und wird begleitet durch Beiträge von Karsten Müller, Marie-José van de Loo, Sebastian Giesen und Selima Niggl.
Im Rahmen der Ausstellung ist neben weiteren Veranstaltungen auch eine Lesung unter dem Titel „Böse Zungen. Ein netter Abend mit Texten von Hans Platschek und Gisela Elsner“ geplant. Die Lesung wird durch begleitende Vorträge kontextualisiert werden und befindet sich derzeit in Vorbereitung.
Weitere Termine:
Sonntag, 30. Juni 2024, 14 Uhr: Gespräch mit Claus Mewes (Mitherausgeber und -autor des Platschek-Katalogs)
Sonntag, 14. Juli 2024, 14 Uhr: Gespräch mit Sabine und Kurt Groenewold (Hans Platschek Stiftung)
Am 02. Mai 2023, dem 86. Geburtstag Gisela Elsners, wird durch den Literaturhaus Nürnberg e.V. zum zweiten Mal der Gisela-Elsner-Literaturpreis verliehen. Preisträgerin ist die 1983 in Tiflis, Georgien geborene Theaterautorin, -regisseurin und Romanautorin Nino Haratischwili.
Der bereits vielfach ausgezeichneten Autorin gelinge es „nicht nur, die georgische Geschichte als Teil europäischer Geschichte darzustellen, sondern auch die europäische Qualität georgischer Literatur und Kultur in ihren Werken zu vermitteln. Es ist die Verbindung von Einzelschicksalen mit der Darstellung historischer Umstände, die Haratischwilis Texten angesichts des Angriffskriegs auf die Ukraine eine Aktualität verleiht, die so kaum eine andere literarische Stimme bietet“, so die Jury in ihrer Begründung.
Die Laudatio wird PD Dr. Christine Künzel als erste Vorsitzende der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft halten, moderiert wird der Abend durch Katharina Erlenwein. Nino Haratischwili wird zudem aus ihrem jüngsten Roman „Das mangelnde Licht“ lesen. Dieser erzählt in Retrospektiven das Schicksal von vier Jugendfreundinnen in den chaotischen Verhältnissen des durch allgegenwärtige Gewalt und Mangel geprägten Georgiens der 1990er Jahre.
17. März bis 11. Juni 2023, Kunsthalle Schweinfurt
In der Kunsthalle Schweinfurt werden anlässlich seines 100. Geburtstages Werke des Malers und Publizisten Hans Platschek (1923-2000) präsentiert. Die umfangreiche Ausstellung mit Leihgaben aus Museen und privaten Sammlungen, welche zum Teil erstmalig der Öffentlichkeit zugänglich sind, soll einen neuen Blick auf das vielschichtige Werk und die einzelnen Facetten der künstlerischen Entwicklung Platscheks ermöglichen.
Der „vielleicht ein bisschen wahnsinnige[ ] Künstler[ ]“ Platschek, „der viel zu viel kann, alsdass er sich einer Richtung zuordnen ließe“ (Willi Winkler) entzog sich nicht nur mit seiner Kunst der Zuordnung in einfache Kategorien, er beteiligte sich auch mit provokanten und scharfzüngigen Beiträgen in den künstlerischen und gesellschaftlichen Diskursen seiner Zeit. Der dem Holocaust durch Exil in Südamerika entkommene Platschek kritisierte neben der Kunst und dem Kunstbetrieb unter anderem den Umgang der Deutschen mit ihrer faschistischen Vergangenheit und teilte mit Gisela Elsner die Angewohnheit, seine Zeitgenossen mit kompromisslosen Äußerungen herauszufordern, ohne auf dabei auf etwaige Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.
Auch wegen dieser unbequemen Art machte sich Platschek selbst wiederholt zur Zielscheibe, nicht zuletzt durch Elsner selbst, mit der er ab 1962 liiert und von 1967-76 verheiratet war und die ihm in ihrem Roman „Abseits“ (1982) in der Figur von Fred Meichelbeck ein Denkmal setzte. Christine Künzel hat hierzu einen Beitrag („Brezelförmige Kringel auf Leinwand“. Kunst und Kunstkritik in Gisela Elsners Werk) im von Claus Mewes und Selima Niggl herausgegebenen Katalog zur Ausstellung verfasst.
Im Jahr 2012 wurde die Internationale Gisela Elsner Gesellschaft in Sulzbach-Rosenberg gegründet und wir können kaum fassen, dass das bereits 10 Jahre her ist. Ähnlich geht es unseren Freunden von der Christian-Geissler-Gesellschaft, die ebenfalls 2012 gegründet wurde, und gemeinsam wollen wir das Engagement der vergangenen 10 Jahre zum Anlass nehmen, die beiden Gesellschaften gebührend zu feiern.
Am Samstag, 3. September 2022, feiern also die Internationale Gisela-Elsner-Gesellschaft und die Christian Geissler-Gesellschaft gemeinsam ihre Geburtstage. Wir laden ein in die Berliner Programmschänke Bajszel, zu einem langen Abend mit kurzen Programmen, zum Reden, Zuhören, Kennenlernen. Für das leibliche Wohl wird bestens gesorgt sein.
Samstag, 3. September 2022, ab 19.00 Uhr | Bajszel | Emser Str. 8/9 (Nähe U/S-Neukölln), 12051 Berlin Neukölln
Traurig nehmen wir Abschied von unserem Vorstandsmitglied Manfred Weiß, der am 25. September 2018 nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Manfred Weiß hat die Internationale Gisela Elsner Gesellschaft seit ihrer Gründung begleitet. Sein engagiertes Eintreten für eine gesellschaftskritisch orientierte politische und kulturelle Bildungsarbeit wird uns fehlen.
Gisela Elsners so gut wie unbekannter Roman “Heilig Blut” (1982) ist die tiefschwarze Bewertung einer tief internalisierten NS-Volksgemeinschaft in der bundesdeutschen Wirklichkeit der 1970er Jahre.
Die Theatermacherinnen Sylvia Necker und Hannah Schassner haben Gisela Elsners „Roadmovie“ (wie es im Programm heißt) für die Bühne der Landungsbrücken Frankfurt am Main erstmals dramatisiert. Dr. Christine Künzel, erste Vorsitzende der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft, hat sich die Inszenierung angesehen. Ihre Rezension „Junger Gösch mit brauner Soße“ finden Sie hier:PDF Download
Die Theaterproduktion „Heilig Blut“ ist noch bis ins Frühjahr 2019 in Frankfurt am Main zu sehen. Weitere Aufführungstermine: 14.+ 15.11.2018 // 26. + 27.01.2019 // 28.02. + 01.03.2019 // 30.03. + 31.03.2019, jeweils um 20 Uhr. Alle wichtigen Informationen unter www.landungsbruecken.org. Tickets unter karten@landungsbruecken.org