Zu den Erzählungen von Gisela Elsner (2013). Eine bisher unveröffentlichte Rezension von Evelyne Polt-Heinzl

Posthum am meisten Unrecht geschehen ist Gisela Elsner mit der schlecht recherchierten Vorlesung W. G. Sebalds und der halbherzigen Korrektur seiner Irrtümer durch Volker Hage. Der eine hat behauptet, es gäbe in den Romanwelten der Nachkriegszeit keine Beschäftigung mit dem Luftkrieg, der andere hat darauf reagiert und seine Fundstücke zum Thema vorgestellt. Das verschaffte Gert Ledigs Roman „Die Vergeltung“ 1999 eine Neuausgabe bei Suhrkamp. Elsners phänomenalen Roman „Fliegeralarm“ hingegen widmete Hage, obwohl explizit darauf hingewiesen, lediglich eine – unrichtige – Fußnote. In diesen Roman sei „wohl manches vom persönlichen Erleben der Autorin … mit eingeflossen“ hieß es im Klappentext der Erstausgabe 1989. Hage macht daraus einen autobiografischen Roman, der „so gut wie keine Beachtung fand“; er hat den Hinweis also aufgenommen, das Buch aber nicht gelesen, und damit seinen Teil beigetragen, dass es weiterhin „so gut wie keine Beachtung“ fand.

Das ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, denn sie zeigt, wie Autorinnen auf dem Weg in den Kanon immer noch geschickt ausgebremst werden. Es bedurfte der Initiative des Berliner Verbrecher Verlags und der Editionsarbeit der Hamburger Literaturwissenschaftlerin Christine Künzel, diese Überheblichkeit der Gatekeeper, die schon Elsners Leben begleitete, zu korrigieren. Jahr für Jahr erscheinen nun in handlichen Paperbackausgaben Erstveröffentlichungen aus dem Nachlass ebenso wie Neuausgaben ihrer seit Jahrzehnten vergriffenen Romane, und sie haben nichts von ihrer angriffig-verstörenden Aktualität verloren, die bei Erscheinen den Kritikern meist völlig inkommensurabel erschien.

Nun liegen in zwei Bänden auch ihre gesammelten Erzählungen vor. Ein Teil davon war in den drei zu Lebzeiten publizierten Erzählbänden enthalten, dazu kommen verstreut erschienene Texte und Erstpublikationen aus dem Nachlass. Was die Sammlung in dieser Abfolge zeigt, ist die große stilistische Bandbreite Elsners. In den Erzählungen rund um den Porzellanfabrikanten Leiselheimer oder andere Unternehmerfiguren bedient sie sich einer gewundenen Diktion mit komplexen Schachtelsatzkonstruktionen, das Repräsentationsbedürfnis ist gleichsam in die Erzählsprache gerutscht. In den 1970er Jahren fungierte Kultur noch als Distinktionsmittel der Eliten; es war ein Ausweis von Intellektualität und auch Modernität, wenn stets das neueste Buch der edition suhrkamp aus der Jackentasche lugte, eine Funktion die aktuell auf das jeweils neueste elektronische Portable übergegangen ist. Diese Zeitstimmung machte renommierte Schriftsteller wie Grass oder Böll zu idealen Botschaftern der Sozialdemokratie – und treibt auch viele von Elsners Unternehmerfiguren an. Etwa den Kunst sammelnden Zwiebackfabrikanten Jakob Bittl in der Erzählung „Der Selbstverwirklichungswahn“, der mit den Töpferaktivitäten der frustrierten Hausfrau Jette Wurbs auch einen anderen Trend aufspießt. Töpfern wie urban knitting leben davon, „daß ein gewisser Grad an Nutzlosigkeit bestimmte Tätigkeiten adelt“, während „den notorisch nützlichen Tätigkeiten“, etwa im sozialen Bereich, „häufig etwas Erniedrigendes innewohnt“.

Sprachlich ganz anders organisiert sind die Erzählungen aus der sozialen Unterschicht. Hier geht’s in kurzen, simplen Fügungen rasch zur, meist wenig erfreulichen, Sache. Der durch Mieterhöhung erzwungene Umzug eines alten Pensionistenpaars, die Umtriebe einer Engelmacherin, die Enttäuschung der Reisegruppe im Maharadscha-Palast, die vom Reiseveranstalter Nottelbach ordentlich hereingelegt wird. Aber wer gibt schon zu, daß ein Urlaub, für den lange angespart wurde, „eine große Pleite war“, da „lacht sich doch jeder insgeheim ins Fäustchen“ – und so bleibt dafür gesorgt, dass Nottelbach auch die nächste Urlaubertruppe wieder ungewarnt und ungestraft übers Ohr hauen kann.

Einige Erzählungen stehen ganz für sich. Wie der Zyklus „Triboll. Lebenslauf eines erstaunlichen Mannes“, der als erste Buchpublikation Elsners, gemeinsam mit Klaus Roehler, 1956 mit Illustrationen von Herbert Martius erschien. Die fehlen in der Ausgabe leider ebenso wie die ursprünglichen Illustrationen von Günter Grass, die der Verlag abgelehnt hat. Diese Zeichnungen sind laut Grass im Besitz von Elsners Sohn Oskar Roehler, der auf Anfragen seine Mutter betreffend selten zu reagieren pflegt. Aber auch pur sind diese Groteskminiaturen, die mit skurriler Geste alltägliche wie philosophische Sentenzen zum Kippen bringen, ein Lesevergnügen – und sie zeigen die auffällige Nähe dieser Bildsprache zu Günter Grass‘ drei Jahre später erschienenem Erfolgsbuch „Die Blechtrommel“.

Für sich steht auch die titelgebende Erzählung des zweiten Erzählbandes „Die Zerreißprobe“, die mit autobiografischen Bezügen die aufgeheizte Stimmung der Verfolgung linker Intellektueller im Deutschen Herbst verarbeitet. Und von hinreißender Komik ist die selbstironische Vision des so geschmacklos wie pompös inszenierten Leichenbegängnisses der Schriftstellerin mit dem Titel „Die Auferstehung der Gisela Elsner“, bei der eine Gisela-Elsner-Gesellschaft eine tragende Rolle spielt. Die hat Christine Künzel mittlerweile tatsächlich ins Leben gerufen und das wird hoffentlich dafür sorgen, dass die literarhistorisch mittlerweile auferstandene Autorin nicht wieder in falsche Fußnoteneinträge verschwindet.

Gisela Elsner: Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen / Zerreißproben. Gesammelte Erzählungen. 2 Bde. Hg.: Christine Künzel. Verbrecher Verlag 2013, 266 bzw. 222 Seiten.

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